Unabhängig durch Kommunikation

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Um auch weitestgehend bewegungsunfähigen Patienten eine eigenständige Kommunikation mit ihrer Umwelt zu ermöglichen, hat die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik im oberbayerischen Murnau ihre Betten im Zentrum für Rückenmarkverletzte mit modernsten Multimediaterminals ausgestattet. Diese Terminals erlauben selbst schwerstbetroffenen Patienten mit Hilfe einer von Siemens Communications (Com) entwickelten Infrarot-Box die Bedienung von Telefonen, Fernsehern und Computern sowie die Steuerung von Jalousien und Beleuchtung in ihren Zimmern.

Die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik in Murnau/Oberbayern ist mit 433 Betten eines der bedeutendsten überregionalen Zentren für die Versorgung von Schwerstverletzten. Hier wurde im Jahr 1969 mit einer Abteilung für Wirbelsäulen- und Rückenmarkverletzte das erste deutsche Querschnittzentrum eröffnet. Einzigartig ist dabei die Betreuung der querschnittverletzten Patienten vom Unfallort bis zur Entlassung nach Hause und für die Folgezeit "aus einer Hand". Dabei setzt die Klinik auf einen ganzheitlichen Therapieansatz, der von Anfang an alle medizinischen und chirurgischen Abteilungen fachübergreifend mit einbezieht. Der Patient, ein Team von Wirbelsäulenchirurgen sowie Physio- und Ergotherapeuten sind vom ersten Tag an in ein Behandlungskonzept integriert, das die Wiedereingliederung des Patienten in den Alltag und das Berufsleben zum Ziel hat. Dabei geht die Betreuung der Patienten weit über das unmittelbar Medizinische hinaus und folgt dem berufsgenossenschaftlichen Grundsatz, die Situation der Patienten „mit allen geeigneten Mitteln“ zu verbessern. Ganz besonders wichtig ist dies bei Patienten, die schwerste Wirbelsäulenverletzungen mit Lähmungen erlitten haben und bei denen das Ziel einer vollständigen Rehabilitation leider nicht immer erreicht werden kann. Die besonders schwierige Situation querschnittgelähmter Patienten erfordert ein breit gefächertes Betreuungsangebot, das ihnen hilft, ihr Schicksal anzunehmen und zu überwinden. Ganz wesentlich ist in diesem Zusammenhang, dass der Patient, dessen Leben sich von einem Tag auf den anderen abrupt verändert hat und plötzlich von bisher nicht gekannter Abhängigkeit geprägt ist, ein möglichst hohes Maß an Eigenständigkeit wiedererlangt.

Um dies zu unterstützen, wurden im Zuge der Erneuerung der Telekommunikationstechnik an den mehr als 100 Betten im Zentrum für Rückenmarkverletzte neu entwickelte Multimediaterminals installiert. Dadurch können querschnittgelähmte Patienten nun ohne Hilfe des Pflegepersonals mit ihrer Umwelt in Kontakt treten. Selbst schwerstbetroffene und nahezu bewegungsunfähige Patienten sind mit Hilfe des Multimediaterminals in Verbindung mit verschiedenen ‚Umweltkontrollsystemen’ und einem Headset in der Lage, selbstständig zu telefonieren, fernzusehen, Radio zu hören, den Sonnenschutz für ihr Zimmer zu betätigen, die Beleuchtung ein- und auszuschalten sowie das Internet und spezielle Software-Applikationen für die Rehabilitation zu nutzen sowie ggf. das Pflegepersonal herbeizurufen. Will ein Patient eine Aktion auslösen, beobachtet er, wie ein Infrarotsignal die kleinen Symbole (Icons) auf dem Umweltkontrollgerät abtastet. Sobald die gewünschte Funktion aufleuchtet, löst er mit einer Kinnbewegung den gewünschten Klick aus. Im entsprechenden Untermenü angekommen, wiederholt er diesen Vorgang, bis er sein Ziel erreicht und beispielsweise den Fernsehapparat mit seinem Lieblingsprogramm eingeschaltet oder die gewünschte Telefonnummer gewählt hat. Patienten, die auf Grund ihrer Verletzung selbst Kinnbewegungen nicht bewältigen können, haben die Möglichkeit, die Steuerung mit Hilfe von Pust- und Saugbefehlen vorzunehmen. Sobald das Lichtsignal das gewünschte Icon auf dem Umweltkontrollgerät erreicht hat, pusten sie in ein angeschlossenes Mundstück und lösen damit den notwendigen elektronischen Impuls aus, der wiederum die Infrarotsteuerung in Gang setzt. So können auch diese Patienten beispielsweise wieder allein telefonieren und auch speziell hinterlegte Intranetseiten abrufen.



Die Unfallklinik in Murnau hat mit dieser Lösung ein in Deutschland bisher einzigartiges Pilotprojekt realisiert. Zusammen mit den Klinik-Mitarbeitern aus den Bereichen Technik und Ergotherapie haben Vorstand und Geschäftsführung des Klinik-Trägervereins ein zukunftsweisendes Konzept entwickelt, bei dessen Umsetzung sie von der Unternehmensberatung U-P-I Unified Planning International GmbH in Gilching unterstützt wurden.

Qualifizierte Partner

Damit das Endprodukt tatsächlich auch patientengerecht ausgelegt werden konnte, fanden zunächst einmal viele Vorgespräche statt, in denen die Bedürfnisse und Anforderungen zusammengetragen wurden. Die Einbeziehung von Patienten und Fachpersonal aus dem Bereich Ergotherapie war dabei eine wesentliche Voraussetzung. „Man wollte schließlich keine Lösung am grünen Tisch erarbeiten, die am Ende bestenfalls haarscharf an den Patientenbedürfnissen vorbei zielt“, beschreibt U-P-I-Geschäftsführer Richard Wagner den Projektstart. Gemeinsam erarbeitet wurde eine umfassende Leistungsbeschreibung, die Grundlage einer öffentlichen Ausschreibung wurde. Das Angebot des Vertriebs Gesundheitswesen von Siemens Com überzeugte am meisten - vor allem auch dadurch, dass sich die Experten dort sehr tief in die sehr speziellen Anforderungen hinein denken konnten. „Es war ein Ansatz, mit dem eine bedarfsgerechte und zukunftsorientierte Lösung realisierbar war“, begründet Projektleiter Wagner die Entscheidung für Siemens als Partnerunternehmen.

In enger Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Klinik entwickelte Siemens dann ein Multimediaterminal, das modular aufgebaut ist und je nach Bedarf zum Beispiel mit Headset oder Umweltkontrollgerät und diversen Sensorschaltern erweitert werden kann.

Bislang sind in dem Krankenhaus 117 Multimediaterminals mit verschiedenen Komponenten im Einsatz:


Über das Cockpit des Multimediaterminals kann der Patient selbstständig die verschiedenen Medien wechselweise steuern und nutzen. Die großflächig angelegte Tastatur lässt sich – frei beweglich – in jede gewünschte Position bringen und ist damit auch solchen Patienten zugänglich, die nur einen minimalen Bewegungsradius haben. Eine besondere Applikation erlaubt es schwerstbetroffenen Patienten künftig im Internet zu surfen und E-Mails zu verschicken. Die speziell entwickelte Schreib- und Kommunikationssoftware „MOMO“, die per Sondersteuerung, zum Beispiel mit dem Kinn, navigiert wird, ermöglicht auch nicht sprechfähigen Patienten bereits auf der Intensivstation zu kommunizieren, und kommt sowohl im Klinikalltag als auch im Rahmen der Therapie zum Einsatz.

Die leistungsfähige HiMed Krankenhaus-Abrechnungs- und Kommunikationslösung für Telefon-, TV- und Internet-Nutzung bleibt dabei für die Patienten im Hintergrund. Sie stellt aber sicher, dass auch die betriebswirtschaftliche Seite für die Klinik entsprechend berücksichtigt wird und zum Beispiel Telefon- und Internetgebühren exakt abgerechnet werden können. „Auf der Suche nach einem Partner, der diese unterschiedlichen Anforderungen zeitnah umsetzen kann, erschien uns Siemens am kompetentesten“, sagt Dr. Michael Potulski. Und der Leiter der Abteilung für Wirbelsäulen- und Rückenmarksverletzte in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau betont auch gleich: „Wir haben uns mit dieser Entscheidung nicht geirrt. Die Zusammenarbeit war und ist sehr gut.“ Daran ändern auch anfängliche kleinere Schwierigkeiten nichts. „Insgesamt läuft es mittlerweile“, lobt Dr. Michael Potulski.

Ein neues Stück Lebensqualität

Die innovative Gestaltung und die individuell einstellbaren Möglichkeiten und Funktionen des neu entwickelten Multimediaterminals wurden darauf ausgerichtet, die Selbstständigkeit der Patienten zu fördern und ergotherapeutische Maßnahmen in der Rehabilitation zu unterstützen. So lernen selbst Tetraplegiker während ihres Klinikaufenthaltes, die Kommunikation mit ihrer Umwelt über das Terminal aufrecht zu erhalten. „Weil sie dabei nicht auf die Hilfe Dritter angewiesen sind, wird die Unabhängigkeit der Patienten gefördert und ihr Selbstwertgefühl gestärkt“, erläutert Dr. Potulski die Bedeutung dieses ganz besonderen Hilfsmittels. Außerdem trägt die größere Eigenständigkeit dazu bei, die Intimsphäre des Einzelnen zu wahren. Das Pflegepersonal erfährt derweil eine spürbare Entlastung von immer wiederkehrenden Handreichungen und gewinnt Zeit, um auf die individuellen Bedürfnisse der Schwerstbehinderten eingehen zu können. „Alle profitieren vom Einsatz des Multimediaterminals“, bestätigen die Verantwortlichen des Trägervereins der Klinik. „Wir zeigen den Patienten die Perspektive auf und geben Ihnen die Gewissheit, trotz ihrer körperlichen Einschränkungen über diese kommunikativen Möglichkeiten weiterhin selbstständig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.“ Ergotherapeutin Martha Horn weiß aus eigener Anschauung, welche Bedeutung die Kommunikationsgeräte für die Schwerstbehinderten haben: „Gerade Patienten, die ansonsten über keinen anderen Aktionsradius mehr verfügen, die weder selber herumfahren, noch essen oder sich beschäftigen können, gewinnen damit ein bisher ungeahntes Stück Lebensqualität zurück.“

Erschienen: 07/2006
Autor: Thomas Hertel


Thomas Hertel ist freier Journalist in München. Der ehemalige Chefredakteur zweier Computerzeitschriften ist auf anwendungsorientierte Themen aus der IT-Industrie spezialisiert.